Mein Bauch ist ein Kopfkissen
Ich war der festen Überzeugung, ich hätte in meiner Jugend keine Essstörung gehabt. Bis ich meine Tagebücher von damals gelesen habe.
Wenn ich Freundinnen erzähle, dass ich manchmal Fotos von mir anschaue aus früheren Jahren und oft das Erste, was ich schnell erinnere, ist, wie ich mich damals gefühlt habe mit meinem Körper, nicken viele. Wenn ich den Freundinnen dann noch erzähle, dass ich mich damals dick fand und mit meinem Aussehen gehadert habe, nicken die meisten immer noch. Und dann schauen wir zusammen auf die Bilder und es gibt so ein kurzes Lachen, dann wird kurz verzweifelt zur Seite geschaut, dann ungläubig noch einmal hin, manchmal folgt ein Schulterzucken, oft ein Seufzen. Dieses Gefühl, was dann meist in mir hochkommt, also in solchen Gesprächen oder beim Bilderanschauen allein, ist am ehesten mit Mitgefühl zu beschreiben. Mitgefühl mit der Person, die ich damals war und der, die ich eigentlich sein wollte, dachte, sein zu müssen oder potenziell sein zu können. Und auch eine Art Bedauern. Ich war eine ganze Zeit der festen Überzeugung gewesen, ich hätte keine Essstörung gehabt.
Und dann hab ich vor ein zwei Jahren die Kiste mit den Tagebüchern von damals nochmal aufgemacht und reingeblättert. Essenstagebücher gefunden. Was habe ich an einem Tag gegessen. Manchmal auch eine Bewertung darunter. Ich zitiere nicht wörtlich, die Bücher sind wieder in der Kiste auf dem Schrank, aber sowas wie „Hab‘s geschafft heute“ oder „Zu viel Scheiß gegessen“. Ich habe die Stellen gelesen, in denen ich quasi beiläufig Vergleiche mit anderen Frauen anstelle, nicht nur körperliche, aber auch. Wie ich gern wäre. Wie sie das denn schafft. Ach, wäre ich doch nur.
Mir des Aussehens meines Körpers bewusst zu sein, wurde mir früh beigebracht. Es gibt Menschen in meiner Familie, die kommentieren heute noch fast jedes Foto von sich selbst mit „Oh Gott, da sehe ich ja fett aus“ oder „Das ist ja unvorteilhaft“. Es gab Menschen in meiner Familie, die sprachen so vor allem über andere Leute. In der Öffentlichkeit, zuhause, im Kopf und in der Fantasie. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in deren Gesellschaft ständig etwas anderes als erstrebenswert galt. Brüste, Arsch, groß, klein, zierlich, kurvig, aber vor allem die Körpermitte hatte immer schlank zu sein. Flach. Fettfrei. Straff. Am besten ohne sichtbar erkennbaren Uterus. Es gab auch immer wieder verschiedene Linien, die ebenfalls als schick galten. Tan Lines. Muskellinien. Grübchen. Rippenschatten. So wie mit jedem neuen Schuljahr ein neuer Rucksack hip war, waren es auch körperliche Attribute. Ich war zehn, als eine damalige Freundin zu mir meinte, ich würde mit Brille nie einen Mann finden.
Ich war 30, als ich mir bewusst keinen Ganzkörperspiegel mehr in die Wohnung gestellt habe, um zu lernen zu spüren, wie sich Kleidung an meinem Körper anfühlt statt vor allem darauf zu schauen, wie sie aussieht, was sie eventuell betont oder kaschiert. Ich habe nicht gezählt, aber ich wurde wirklich sehr oft gefragt, wo denn mein Spiegel sei. Im Nachhinein weiß ich, dass ich meistens am traurigsten war, wenn ich sehr dünn war. Der Zusammenhang war nicht, dass ich dann weniger gegessen hätte. Der Zusammenhang war, dass ich meistens in Phasen meines Lebens sehr traurig war, in denen ich das Gefühl hatte, mich verändern zu müssen, um geliebt zu werden. Das hat so konkret nie jemand gesagt, aber ich habe es oft gedacht. Ich hatte mal eine On-Off-Beziehung mit einem Mann, der sagte mir, ich sei „zum Glück nicht so dünn wie seine Exfreundin mit der Essstörung“ und dachte, er gebe mir damit ein gutes Gefühl. Ich wog zehn Kilo zu wenig in dieser Zeit.
Im Film würde ich nun kurz dramatisch vorspulen. Ich wiege so viel wie selten zuvor, ich manage zwei Autoimmunerkrankungen und eine chronische Krankheit, mein Körper hat diverse Operationen hinter sich, war zweimal schwanger und hat ein Kind gebacken. Es ist tatsächlich ein Leichtes, mich nicht schön und sehr schnell einen Makel zu finden, wann immer ich ein Foto von mir sehe, ich hab das schließlich jahrelang trainiert. Der Witz ist, in mir drin sehe ich ganz anders aus. Wenn ich mich in einem Schaufenster sehe oder dem Spiegel einer Umkleidekabine ist es immer wie kurz Schluckauf haben. Denn in mir drin bin ich nicht nur leichter, sondern auch jünger. Und das befreit mich. Das innere Bild meines Körpers hängt dem äußeren tatsächlich ein paar Jahre hinterher und ich weiß gar nicht mal, ob es wirklich hinkt, oder ob das tatsächlich einfach immer so war und immer so sein wird, gradlinig laufend, nichts Schwankendes. Ich sehe in diesem Unterschied zwischen Innen und Außen einen Raum, in dem es für mein Leben, mein Empfinden, meine Zuwendung zur Welt keine Rolle oder nur eine kleine Rolle spielt, welche Hosengröße ich habe, zum Beispiel, wenn mir eine mal wieder nicht mehr passt, und ich sie in eine der Kisten lege „Verkaufen / Verschenken / Behalten“, um mir dann eine zu kaufen, die passt.
Mein Körper verändert sich, hin und her, er lebt und ist nicht statisch, ich möchte in und mit ihm leben, und tatsächlich ist mein großes Glück nicht, zwei Kilo abgenommen zu haben, sondern wenn ein Tag schmerzfrei und damit leicht ist. Wenn ich mich und andere durchs Leben tragen kann. Ich bräuchte 48-Stunden-Tage, wenn ich all die Sport-, Ernährungs-, Meditations-, Lifestyle-, Behandlungs- und Lebenstipps annehmen und umsetzen wollen würde, die Körper mit Autoimmunerkrankungen so bekommen oder die man auf TikTok sieht oder in Büchern oder Foren liest. Ich dürfte jedoch auch keinen Job, keine Freund*innen, keine Beziehung, keine Familie, kein Ehrenamt oder irgendwelche anderen Hobbys haben. Ach ja und ich müsste reich sein (natürlich).
Es ist mittlerweile auch ein Leichtes was Schönes zu finden in jedem Foto. Keine Filter mehr zu benutzen. Immer wieder zu lachen bei dem Satz, den meine beste Freundin und ich uns schon seit Jahren sagen: „So sieht man halt aus“. Alle sehen irgendwie aus. Und das Leben ist zu kurz, um bei Hitze die weichen Beine in lange Hosen zu stecken. Lasst mich in Ruhe. Wenn jemand ein Problem mit meinen Beinen hat, dann ist es seins. Ich bin doch so gerne am Leben.
Fast jeden Abend setzt sich mein Kind noch einmal auf, kurz bevor es wirklich einschläft, und legt seinen Kopf auf meinen Bauch. Vorher wurschtelt es mein T-Shirt oder meinen Pullover beiseite, es beschwert sich, wenn es nicht an meine Haut kommt, deswegen gibt es keine Jumpsuits bei der Einschlafbegleitung, keine reingesteckten Hemden. Mein Kind legt seinen Kopf und manchmal seinen ganzen Körper auf meinen Bauch, drückt seine Wange in ihn hinein und macht ein wohliges Geräusch. Ich habe mich nie schöner gefühlt als genau dann. Ich bin eine weiche Person, ein Kopfkissen für jemanden, ein Zuhause.

Was für ein wunderschöner Text!!
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